Die Person
Nach einem Jahr erfolgte für zwei weitere Jahre der Wechsel an eine andere Unteroffiziervorschule in Schlesien. Dort war dann alles ganz anders und der Jungschütze Kießling musste teilweise miserable Ausbildung, Schikanen und andere Missstände im Führungsverhalten seiner Vorgesetzten erdulden. Nach Abschluss der Unteroffiziervorschule folgte für ihn die Ausbildung zum Unteroffizier in Hohensalza.
Im Frühjahr 1944 erhielt er seine Feuertaufe an der Ostfront in den Nordkarpaten. Hier an vorderster Front in schwierigstem Waldgelände unter ständiger Lebensgefahr und zumeist schlecht versorgt lernte der junge Oberjäger (Bezeichnung für einen Unteroffizier der Jägertruppe) als Führer einer Infanteriegruppe die Leiden des Soldaten im Krieg kennen. Wegen Tapferkeit vor dem Feind wurde er mit dem EK I ausgezeichnet. Das Kriegsende erlebte er nach weiterer Bewährung als 19 - jähriger Leutnant.
Nach dem Krieg arbeitete Kießling als Bauhilfsarbeiter in Berlin und machte dabei auf einer Abendschule sein Abitur. In Hamburg und Bonn studierte er danach Volkswirtschaftslehre und promovierte schließlich zum Doktor der Volkswirtschaft. 1954 wurde er Leutnant im Bundesgrenzschutz, 17 Jahre später der jüngste General der Bundeswehr. Und seit 1982 war Kießling inzwischen einer der drei höchsten Offiziere der Bundeswehr geworden.
In nationalen Führungsverwendungen erwies er sich als strenger, zugleich aber auch einfühlsamer und fürsorglicher Chef und Kommandeur. Seine Kriegserlebnisse und die Erfahrungen mit Vorgesetzten in Krieg und Frieden waren ihm dabei Richtschnur seines Handelns. Er war gewiss kein bequemer Vorgesetzter. Von seinen Führerkorps erwartete er eine an den Anforderungen des Krieges orientierte Ausbildung. Ebenso vehement forderte er, der Pflicht zur Dienstaufsicht gewissenhaft nachzukommen und so gravierende Mängel im Führungsverhalten zu unterbinden. Und unermüdlich suchte er das Gespräch mit seinen Soldaten, um ihnen gerade in den kritischen sechziger und siebziger Jahren den Sinn ihres Dienstes zu vermitteln. Gegenüber Stäben entwickelte er eine ausgeprägt kritische Haltung. Er hielt sie personell schon damals für zu üppig ausgestattet mit der Folge unnützer Bürokratie. „Stäbe sind für die Truppe da, nicht umgekehrt“ äußerte er sich gelegentlich. Trotz seiner militärischen Bilderbuchkarriere war Kießling alles andere als ein Nur - Soldat. Er war ein Intellektueller. Man könnte sagen: Er war der Prototyp dessen, was Scharnhorst als einen gebildeten Soldaten bezeichnete. So hat er sich innerhalb und außerhalb der Bundeswehr zu einer Vielzahl militärischer und gesellschaftlicher Fragen fundiert zu Wort gemeldet.
Trotz seiner beeindruckenden Erfolge blieb ihm ein tiefer Sturz nicht erspart. Unter Beteiligung höchster NATO - Stellen, einiger Spitzenbeamter auf der Hardthöhe, des MAD und der Kölner Kriminalpolizei sowie des Verteidigungsministers Wörner selbst geriet der bis dahin unbescholtene Offizier Ende 1983 in ein Kesseltreiben. Der Vorwurf lautete, er sei homosexuell und somit nach damaliger Vorschriftenlage ein Sicherheitsrisiko. Dies führte zu seiner unwürdigen Entlassung aus dem aktiven Dienst ohne die ihm zustehenden militärischen Ehren. Der Gedemütigte setzte sich jedoch zur Wehr, nahm sich einen renommierten Anwalt, strengte ein Disziplinarverfahren gegen sich selbst an und schaltete die Öffentlichkeit ein. Im Ergebnis wurde er nach schweren Wochen des Ringens um seinen Ruf vollständig rehabilitiert und wiedereingestellt. Am 26. März 1984 wurde er, nunmehr mit allen Ehren, mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedet und in den Ruhestand versetzt. Am Ende dieser unseligen Affäre war Minister Wörner schwer beschädigt.
Nach seiner Pensionierung blieb General Kießling auch in schwieriger Zeit der Bundeswehr und vor allem seinem früheren Bataillon, dem Panzergrenadierbataillon 62 in Neustadt (Hessen), stets eng verbunden. Auch zur Offizierschule des Heeres in Dresden hatte er stets eine besonders enge Beziehung gepflegt.
Am 28. August 2009 verstarb General Dr. Günter Kießling im Alter von 83 Jahren in seiner Wohnung in Rendsburg. Die bewegende Trauerfeier in seiner letzten Heimatstadt erfolgte mit allen ihm zustehenden militärischen Ehren. Die Traueransprache hielt der damalige Generalinspekteur, General Wolfgang Schneiderhan. Begraben ist Kießling im Familiengrab seiner Familie auf dem Alten Zwölf - Apostel - Kirchhof in Berlin.
General Dr. Günter Kießling wurde am 20. Oktober 1925 in Frankfurt (Oder) geboren. Aufgewachsen ist er unter einfachen Verhältnissen in Berlin. In seinem Leben spiegelt sich deutsche Geschichte von 1925 bis über die Jahrhundertwende hinaus wider. Es war im wahrsten Sinne des Wortes ein Soldatenleben. Seiner Heimat Frankfurt (Oder) und Berlin ist er bis zuletzt eng verbunden geblieben. Als der Eiserne Vorhang fiel, war er tief bewegt in seine Geburtsstadt geeilt. Weit vor 1989 und als Andere längst Zweifel hegten, hatte er für die Wiedervereinigung unseres Landes gestritten.
Der Wunsch, Soldat zu werden wie der Vater, war bei ihm früh gereift. Es war nicht etwa der Krieg, der ihn zum Soldaten bestimmte, sondern die Sehnsucht nach der soldatischen Gemeinschaft. So wurde Kießling nach dem Besuch der Volksschule im Alter von 14 Jahren als Freiwilliger in die Heeresunteroffiziervorschule in Dresden aufgenommen. Hier fühlte er sich vor allem durch seine vorgesetzten Offiziere vorbildlich geführt und angeleitet.

Lebensdaten
20. Oktober 1925
geboren in Frankfurt an der Oder
aufgewachsen in Berlin
5. Mai 1940
Eintritt in die Wehrmacht
Heeres-Unteroffizier-Vorschule Dresden; ab 1941 Frankenstein/Schlesien
1943 / 1944
Unteroffizierschule Hohensalza
Beförderung zum Unteroffizier
1944
beim Jäger-Regiment 28 an der Ostfront
1945
Leutnant
9. Mai 1945
(US) Gefangenschaft in Eger
1945
Bauhilfsarbeiter in Berlin
Besuch einer Abendschule
Abitur als Externer
1948
Studium der Wirtschaftswissenschaften (Freie Universität Berlin)
1953
Diplom-Volkswirt (Universität Hamburg)
1957: Promotion (Universität Bonn)
1954
Offizier im Bundesgrenzschutz
1956
Überführung in die Bundeswehr
1959 / 1961
Kompaniechef
1961 / 1964
Generalstabsausbildung (deutsche und britische)
1967
Kommandeur Panzergrenadierbataillon 62
1969
Chef des Stabes 2. Panzergrenadierdivision
1970
Kommandeur Panzerbrigade 15
1971
General für Offizier- / Unteroffizierausbildung
1975
Royal College of Defence Studies
1976 / 1977
Kommandeur 10. Panzerdivision
1978 / 1979
Stellvertretender Abteilungsleiter Personal im Verteidigungsministerium
1979 / 1982
Befehlshaber LANDJUT
1982 / 1983
D / SACEUR (Stellvertreter des Obersten Alliierten Befehlshabers in Europa)


